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Bahur Ghazi

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Musikalische Reisen zwischen Orient und den Alpen gehören mittlerweile zum Grundvokabular der globalisierten Welt. Der syrische Komponist und Oudspieler Bahur Ghazi allerdings spannt gleich eine doppelte Brücke: Er verbindet aus seiner neuen Heimat heraus die weltläufige Kreativität der Schweizer Jazzszene mit der Magie einer Oasenstadt, und er spannt einen faszinierenden Bogen von antiken Bilder bis in die bittere Gegenwart Syriens.

Palmyra - allein schon der Klang dieses Wortes beschwört sagenhafte Bilder herauf: Die schillernde Oasen- und Karawanenstadt zwischen Damaskus und Euphrat-Strom spielte während der Antike immer wieder auf der Weltbühne der Geschichte mit. Sie entwickelte als Knotenpunkt des griechisch-römischen und persischen Einflussbereichs eine einzigartige Kultur, besaß eine eigene Sprache und lokale Gottheiten, erlebte frühes Christentum und islamische Eroberung, wurde mehrfach zerstört und erhob sich immer wieder wie Phoenix aus der Asche. Nachdem mehr als 1000 Jahre lang der Wüstenwind über seine Tempelruinen gestrichen war, wiederholte sich für Palmyra in der Neuzeit der Zyklus von Auf- und Abstieg erneut: Die Ausgrabungsstätte bekam 1980 das Siegel des UNESCO-Kulturerbes der Menschheit und musste ab 2015 gleich zweimal dem Islamischen Staat entrissen werden, der ihr mit Sprengungen tiefe Wunden zugefügt hat.

Für den Musiker Bahur Ghazi ist Palmyra eine so immense Inspirationsquelle, dass er die Stadt als Namensgeberin für sein Quintett auserkoren hat. Den legendären Ort sieht er als Hort eines Jahrtausende alten Erbes, als Sinnbild für ein spannendes Geflecht der Kulturen und als Symbol der Würde und Hoffnung für das durch Bürgerkrieg und IS zerstörte Syrien. Vor dem Krieg war Ghazi einer der führenden musikalischen Kreativköpfe seiner Heimat: Seine Künste auf der arabischen Laute bekam er durch die irakische Oud-Koryphäe Naseer Shamma vermittelt und wirkte als Lehrer an der von Shamma geleiteten renommierten Kairoer Institution Bait al Oud al Arabi (arabisches Lautenhaus).

Sein Schweizer Exil hat Bahur Ghazi die Möglichkeit gegeben, seine Kunst weiterhin auszuüben, ohne die tägliche Bedrohung durch die Brutalität des Krieges im Nacken. Er wirkt nun breit gefächert als Jazzmusiker, aber auch als Schreiber für klassische Orchester und fürs Theater. Der aktuelle Standort eröffnet ihm einen ganz besonderen, neuen Blick auf Syrien: Umgeben von führenden helvetischen Jazzern an Akkordeon (Patricia Draeger), Piano (Christoph Baumann), Kontrabass (Luca Sisera) und Drums (Dario Sisera) malt er aus der Distanz zur Heimat weitläufige, farbenprächtige Tableaus. In ihnen fächert sich das arabische Erbe als Kaleidoskop von Andalusien über das Mittelmeer bis in die Wüste auf, und zugleich verbinden die Musiker dieses Erbe der arabischen Maqam-Skalen mit der improvisatorischen Klangsprache Europas.

So balanciert schon das Eingangsstück „Bidaya“ zwischen orientalischem Oud-Intro, dem wiegenden Akkordeon Draegers und einer kubanisch inspirierten Piano-Einlage von Baumann. Unvermittelt finden sich die Hörer wieder in der schwebenden, geheimnisvollen Atmosphäre des „Septimia Dream“, der in die antike Vergangenheit Palmyras zu geleiten scheint. Diese scheint dann prachtvoll und dramatisch im langen Titelstück auf, als würden sich wie in einer Vision die alten Säulen aus der flirrenden Wüstenluft erheben. Doch damit hat die Reise von Bahur Ghazi und seinen vier Kolleg*innen erst begonnen, sie hält viele weitere Stationen parat: „The Getaway“ ist eine rhythmisch komplexe Jagd über einem stolpernden, drängenden Ostinato, das an die besten Momente eines Rabih Abou-Khalil erinnern mag, aber auch zunehmend einen Rockdrive bekommt.
Ghazis Widmung an den Qasioun, den Hausberg von Damaskus, wird als melancholischer und genauso virtuoser Oudgesang ausgekleidet, als Klagelied auf die verlorene Größe einer nun zerstörten Stadt. Im übermütigen „Grünfink“ übernimmt plötzlich eine Trompete mit arabesken Vierteltönen das Kommando. Und in der epischen „Salvation Voyage“ gelingt die Verbindung von Orient und Okzident am organischsten: Bahur Ghazi überlässt hier dem Bass mit einem singenden Intro und dem Akkordeon mit fast balkanischer Schwermut weite Strecken der Gestaltung.
Mit „Bidaya“ verbinden Bahur Ghazi und sein helvetisches Quartett sagenhafte Antike und schmerzliches Heute zu beeindruckenden Klanglandschaften – stets mit einem hochaktuellen Bezug, der weit über die althergebrachten Klischees von 1001 Nacht hinausweist.

Links:

Official Website: https://www.bahurghazi.ch/

Booking: http://www.jazzhausbooking.com